2020-08-04

Frühling / Bestandsaufnahme

Es ist Frühling, ich kann das vom Fenster aus beobachten.
Draußen schwitzen die Eichhörnchen.
Ich habe meine Füße in siebzehn Liter frisch geschmolzenen Flutschfinger gehalten und muss sagen:
Mehr Urlaub werde ich dieses Jahr nicht fühlen.
Und das ist okay, die Welt braucht mich gerade nicht. Darum bleibe ich Zuhause.

Bestandsaufnahme I:
Ich habe jetzt alles gemacht, was man so macht, wenn man das macht, was wir hier gerade durchmachen:
1. die Hälfte des Tages durch die Wohnung gehen und laut “Ohjeohje” rufen
2. siebzehn Kiwis so zusammenkleben, dass sie ein Haustier ergeben, welches man gerne und viel streicheln möchte
3. draußen auf dem Balkon den Kopf in den Nacken legen bis alles, was man sieht, blau ist und dann feststellen: Der ganze Himmel ist ein verdammter Swimmingpool
4. dank der Waage wissen: Ich bin nicht nur schwermütig, sondern auch schwerkörperig
5. viel darüber nachdenken, die Fenster zu putzen, und es dann doch lassen, weil ich den Retro-Filter irgendwie mag
6. sich abends bei GZSZ darüber ärgern, dass niemand den verdammten Mindestabstand einhält SO SCHWER IST DAS NICHT, JOHN!!1!!1!!!! KOMMT SCHON LEUTE, DIE LAGE IST ERNST! WIE VORBEREITET IST EIGENTLICH DAS JEREMIAS?
7. alles vermissen, was man vorher nie vermisst hat: an der Bushaltestelle angeraucht werden, der Schweißgeruch von dem Sitznachbarn im Regionalexpress, HM-Umkleidekabinen, Drängeln auf der Rolltreppe, die Möglichkeit, Schaukeln zu können, also nicht das Schaukeln selbst, aber die Möglichkeit von Schaukeln macht mich froh, einfach der Gedanke, dass das möglich ist. Einen Döner weiteressen, der einem zuvor doof aus der Hand gefallen ist, sowas eben

Bestandsaufnahme II:
Ich habe jetzt genügend Zeit, um mir viele Fragen zu stellen.
Wie war nochmal mein ICQ-Passwort? Wann komme ich mal wieder jemandem nahe, der nicht aus Plüsch ist, aussieht wie ein Dinosaurier und “Stupso der grüne Echsenlord” heißt? Bin ich wohl der Mensch, der sich am längsten nicht die Haare gewaschen hat? Wenn man sehr viel Schokolade ist, wann ist der Moment, wo die Sache kippt, und man kein Mensch mehr ist, sondern eine sehr große Praline? Verliert man, wenn man sich alle Disneyfilme rückwärts anguckt, den Glauben an die Liebe? Ist es komisch von mir, dass ich bei Sims Familie und Freund*innen nachbaue, um mit ihnen im selben Raum sein zu können? Jetzt, wo Wiederholungen von alten Fußballspielen der Hit sind, worauf können wir uns als nächstes freuen: Staumeldungen aus den 90ern? ZDF-Vierschanzentournee von 2007? Eine fünf Jahre alte Ausgabe der RTLII News? Hm, spannend! Andere Frage: Wenn man jemanden, den man sehr mag, vor seinem Haus besucht, und derjenige wohnt im vierten Stock – ist es dann vielleicht nützlich, ein Fernglas zu benutzen, damit man sich irgendwie nah fühlt? Und kann man in dieser neuen Intimität dann auch Geheimnisse austauschen? „DAS BLEIBT ABER UNTER UNS, OKAAAAAY?“
Wie sieht das Leben in 12 Monaten aus? Können wir dann bitte sagen “Puh, das war knapp!”? Und werde ich dann noch wissen, wie man sich anständig umarmt?

Bestandsaufnahme III:
Ich halte mich gerne fern.
Zumindest, wenn es um übellaunige Paviane oder umgekippte Dixie-Klos geht. Ich mache große Bögen um brennende Deoroller und Franz Beckenbauer Imitatoren.
Ansonsten mag ich Nähe. Ich finde Berührungen schön, wenn sie gewollt sind. Wenn sich der Körper unter den fremden Fingern anfühlt wie Ahoi-Brause, ganz britzelig und aufgeregt. Wenn man sich aneinander lehnt, um allem irgendwie Stand zu halten. Ich meine, ich mag Umarmungen, weil die praktisch sind – denn man muss nicht überlegen, was man mit seinen Armen macht oder woran man seine Hände abwischt, wenn man gerade etwas sehr Fettiges gegessen hat. Das ist praktisch.

Jetzt umarme ich nur noch verbal. Manchmal benutze ich dafür eine Floskel, die ich eigentlich für reichlich bescheuert halte. „Fühl dich umarmt!“, sage ich dann, obwohl das eine sehr seltsame Anweisung ist. Man kann dem anderen ja nicht sagen, wie er sich fühlen soll. Man stelle sich vor, das würde man in ähnlichen Situationen auch so machen. Dann sagt man „Fühl dich satt!“, nur weil man zu faul zum Kochen ist. Oder wenn man ein sehr lauchiger Gangster ist, dann könnte man ja auch nicht „Fühl dich verprügelt!“ sagen, wenn jemand einem blöd kommt. Ich meine, Leute, Leute, das funktioniert so nicht.
Fühl dich umarmt. Da schwingt auch immer die Sorge mit, dass der andere das nicht ausreichend hinbekommt. FÜHL DICH UMARMT! JETZT SOFORT! UND WEHE DU STRENGST DICH NICHT GUT GENUG AN! Denn das muss man wollen, sich anständig umarmt fühlen. Was ist wenn alles, was der andere dann fühlt, gerade mal für ein verfehltes High Five reicht? Denn die paar Worte genügen ja gar nicht für das, was ich eigentlich meine: Fühl dich umarmt heißt „Ich würde dich jetzt eigentlich gerne mit beiden Armen vorsichtig halten, sodass du dein Kinn auf meine Schulter legen kannst.“ Fühl dich umarmt heißt: „Ich trag dich ein bisschen, leg ruhig deine Sorgen hier ab, zusammen haben wir vier Schultern und Beine, und der Gedanke ist merkwürdig tröstlich.“  Fühl dich umarmt heißt „Du könntest aus der Nähe feststellen, dass mein Atmen nach Kinder Pingui riecht, das Parfüm des kleinen Mannes.“ Fühl dich umarmt heißt „Ich hätte dich jetzt gerne bei mir und ich will, dass du das weißt.“

Bestandsaufnahme IV:

Draußen schwitzen die Tauben.
Das kann ich vom Fenster aus sehen.
Es ist Frühling.

Admin - 00:12:27 | Kommentar hinzufügen


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